Mentale Gesundheit: Interview zum Thema Beteiligung von Kindern
Interview zum Thema Beteiligung von Kindern
mit Maria Schäf (Director of Training Montessori Adult Education)
Wie und wo passiert Partizipation im Kinderhaus konkret? Wo können die Kinder nicht nur „wählen“, sondern echten Einfluss haben?
Im Montessori-Kinderhaus bedeutet Partizipation weit mehr als Mitbestimmung. Sie beginnt mit dem Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes. Durch Beobachtung, Darbietungen und die freie Wahl entwickelt das Kind Schritt für Schritt die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Mit seinen wachsenden Fähigkeiten gestaltet es den Alltag aktiv mit – etwa indem es Verantwortung für die Umgebung übernimmt oder andere Kinder unterstützt. Partizipation bedeutet deshalb nicht nur wählen zu dürfen, sondern zu erleben: „Ich kann etwas bewirken und mein Beitrag ist wichtig.“
Ein schönes Beispiel dafür ist die Übung das Eingießen aus dem Bereich des praktischen Lebens: Zunächst lernt das Kind diese Tätigkeit in einer Darbietung und übt sie selbstständig. Später schenkt es anderen Kindern oder Gästen Getränke ein. Aus einer individuellen Übung wird so ein wertvoller Beitrag für die Gemeinschaft. Das Kind erlebt: Ich kann etwas bewirken und mein Handeln ist für andere bedeutsam. Genau darin zeigt sich echte Partizipation – Kinder gestalten das Zusammenleben aktiv mit und erfahren sich als kompetente Mitglieder der Gemeinschaft, deren Handeln Bedeutung hat.
Ein wichtiger Punkt ist auch die vorbereitete Umgebung als Partizipationsraum: Wie unterstützt die vorbereitete Umgebung Partizipation, ohne dass Erwachsene ständig eingreifen müssen?
Die vorbereitete Umgebung ist ein zentraler Bestandteil der Montessori-Pädagogik. Sie ist weit mehr als ein schön eingerichteter Raum – sie ist bewusst so gestaltet, dass sie Kindern Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und damit echte Partizipation ermöglicht. Die Umgebung lädt das Kind dazu ein, selbst aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Alle Materialien sind frei zugänglich, übersichtlich angeordnet und laden zur eigenständigen Arbeit ein. Durch Darbietungen und die integrierte Fehlerkontrolle vieler Materialien können Kinder Entscheidungen treffen, Erfahrungen sammeln und Lösungen finden, ohne ständig auf Erwachsene angewiesen zu sein.
Auch die Freiheit, allein oder mit anderen zu arbeiten, den Arbeitsort zu wählen oder Materialien – wenn möglich – mit in den Garten zu nehmen, eröffnet echte Handlungsspielräume. Gleichzeitig lernen die Kinder, dass Freiheit immer mit Verantwortung verbunden ist: für die Materialien, für die Gemeinschaft und für das eigene Handeln.
Die Aufgabe der Pädagog:innen besteht darin, diesen Raum aufmerksam zu begleiten, statt ihn ständig zu steuern. Indem sie beobachten, Vertrauen schenken und nur dort eingreifen, wo Unterstützung wirklich notwendig ist, ermöglichen sie Kindern Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und echte Partizipation.
An welchen Stellen ist Partizipation womöglich mit Intention begrenzt und warum ist auch das gesund für Kinder?
Partizipation bedeutet nicht, dass Kinder jederzeit alles entscheiden dürfen. In der Montessori-Pädagogik wird Freiheit immer mit Verantwortung im Zusammenhang gesehen. Kinder bekommen Raum für eigene Entscheidungen, aber innerhalb eines sicheren und verlässlichen Rahmens. Dieser Rahmen orientiert sich an drei grundlegenden Prinzipien: Verletze dich nicht selber, verletze keinen anderen und zerstöre nicht die Umgebung. Diese Grenzen geben Kindern Sicherheit und helfen ihnen, die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen.
Gesunde Partizipation bedeutet deshalb nicht, Kindern jede Entscheidung zu überlassen. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen, aber auch dort Orientierung geben, wo Verantwortung noch zu groß wäre. Innerhalb dieses Rahmens können sie ausprobieren, eigene Lösungen finden und lernen, Freiheit bewusst zu gestalten.
Welche innere Haltung braucht es, um Kindern ernsthaft zuzuhören, sie teilhaben zu lassen, auch wenn es „unbequem“ ist?
Echte Partizipation beginnt mit einer Haltung des Respekts und des Vertrauens. Kinder ernst zu nehmen bedeutet, ihre Gedanken, Gefühle und Perspektiven wirklich wahrzunehmen – auch dann, wenn ihre Sichtweise nicht der eigenen entspricht oder eine Situation für Erwachsene herausfordernd ist.
Dafür braucht es die Bereitschaft, Kinder als kompetente Menschen zu sehen, die etwas beizutragen haben. Zuhören bedeutet dabei nicht immer, jedem Wunsch nachzugeben, sondern die Sichtweise des Kindes ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Die Rolle der Pädagog:innen liegt darin, aufmerksam zu beobachten, Fragen zu stellen und Kindern Raum für eigene Ideen zu geben. Wenn Kinder erleben, dass ihre Stimme zählt, entwickeln sie Vertrauen in sich selbst und in die Gemeinschaft.
Was müssen Pädagog:innen lernen selbst loszulassen, um echte Partizipation zu ermöglichen?
Pädagog:innen müssen vor allem die Vorstellung loslassen, dass Erwachsene immer wissen, welcher Weg für ein Kind der richtige ist. Natürlich geben Erwachsene Orientierung und tragen Verantwortung – gleichzeitig braucht es Vertrauen darauf, dass Kinder eigene Lösungen finden und aus Erfahrungen lernen können. Loslassen bedeutet, nicht jede Tätigkeit vorzugeben, nicht jede Lösung anzubieten, Fehler nicht sofort zu verhindern und unterschiedliche Wege zum Ziel zuzulassen. Es bedeutet auch, das Tempo des Kindes anzuerkennen und nicht das eigene Tempo zum Maßstab zu machen.
In der Montessori-Pädagogik verstehen sich Erwachsene als Begleiter und Beobachter. Sie schaffen eine Umgebung, in der Kinder selbstständig handeln können, und geben dort Unterstützung, wo sie wirklich gebraucht wird. So entsteht Raum für Selbstständigkeit, Verantwortung und echte Partizipation.
Gibt es einen Satz oder eine Beobachtung, die Sie persönlich verändert hat, wie Sie mentale Gesundheit durch Partizipation sehen?
„Die Montessori-Lehrerin hat ein Kind vor sich, das sozusagen noch nicht existiert“. (Kreatives Kind, Kapitel 27)
Dieser Satz erinnert mich daran, Kinder nicht nur danach zu beurteilen, was sie im Moment können oder wie sie sich gerade zeigen. Wir sehen immer auch ihr Potenzial und den Menschen, zu dem sie sich entwickeln können.
Oft erleben wir im Alltag Situationen, in denen ein Kind etwas noch nicht alleine schafft oder zunächst zurückhaltend wirkt. Es wäre einfach, dem Kind die Aufgabe abzunehmen oder für es zu entscheiden. Die Montessori-Pädagogik lädt uns jedoch dazu ein, geduldig zu sein und zu fragen: „Was braucht dieses Kind heute, damit es morgen selbstständig handeln kann?“ Genau darin sehe ich auch den Zusammenhang zwischen Partizipation und mentaler Gesundheit. Kinder entwickeln Selbstvertrauen nicht dadurch, dass Erwachsene alles für sie lösen. Sie entwickeln es, wenn sie erleben: „Ich darf mitdenken. Ich darf mitentscheiden. Ich darf Fehler machen. Mir wird etwas zugetraut.“ Aus diesen Erfahrungen wächst Schritt für Schritt ein stabiles Selbstbewusstsein.
Mentale Gesundheit bedeutet für mich deshalb nicht nur, dass ein Kind glücklich ist. Es bedeutet auch, dass ein Kind Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt und spürt: „Ich bin wichtig. Ich kann etwas bewirken.“
Was verändert sich im emotionalen Zustand eines Kindes, wenn es merkt: „Meine Stimme zählt“?
Wenn Kinder erleben, dass ihre Meinung gehört und ernst genommen wird, erfahren sie: „Ich bin wichtig. Ich kann etwas bewirken.“ Dieses Gefühl stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeit.
Kinder entwickeln den Mut, eigene Gedanken und Bedürfnisse auszudrücken, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig erleben sie sich als wertvollen Teil einer Gemeinschaft: „Ich gehöre dazu und mein Beitrag zählt.“
Gerade diese Erfahrungen sind wichtige Grundlagen für mentale Gesundheit. Kinder, die sich gehört und ernst genommen fühlen, entwickeln Vertrauen in sich selbst, in andere Menschen und in ihre Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen.
Welche Grundlagen legen wir schon im Kinderhaus für mentale Gesundheit?
Die Grundlagen für mentale Gesundheit entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Im Montessori-Kinderhaus erleben Kinder, dass sie gesehen, wertgeschätzt und als wichtiger Teil einer Gemeinschaft angenommen werden.
Eine wichtige Grundlage ist die Erfahrung: „Ich darf sein, wie ich bin, und ich darf mich in meinem eigenen Tempo entwickeln.“ Durch aufmerksame Beobachtung begegnen Pädagog:innen jedem Kind individuell und richten den Blick auf seine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Fehler werden dabei nicht als Scheitern gesehen, sondern als Teil des Lernprozesses.
Ebenso wichtig ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Kinder dürfen Herausforderungen selbst bewältigen, Verantwortung übernehmen und erleben, dass sie etwas bewirken können. Gleichzeitig erfahren sie Zugehörigkeit – sie sind Teil einer Gemeinschaft, in der jeder Mensch mit seinen individuellen Stärken wertvoll ist.
Ein Leitgedanke unserer pädagogischen Arbeit lautet: „Wir helfen dem Kind im Hier und Jetzt – für seine Zukunft.“ Mentale Gesundheit entsteht nicht durch einzelne Angebote, sondern durch die täglichen Erfahrungen eines Kindes: gesehen, ernst genommen und in seiner Entwicklung begleitet zu werden. So wachsen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, emotionale Sicherheit und die Zuversicht, Herausforderungen bewältigen zu können.
Gibt es einen Unterschied zwischen Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung und wie ist das für die mentale Gesundheit relevant?
Ja, die beiden Begriffe hängen zusammen, beschreiben aber unterschiedliche Erfahrungen.
Selbstbestimmung bedeutet: Ich darf Entscheidungen treffen und mein eigenes Handeln mitgestalten.
Selbstwirksamkeit bedeutet: Ich erlebe, dass mein Handeln etwas bewirkt und dass ich Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen kann.
Ein Beispiel: Ein Kind entscheidet selbst, welches Material es nutzen möchte – das ist Selbstbestimmung. Es arbeitet daran, probiert aus, findet eigene Lösungen und erlebt: „Ich habe das geschafft“ – das stärkt die Selbstwirksamkeit.
Beides ist für die mentale Gesundheit bedeutsam: Selbstbestimmung vermittelt Kindern das Gefühl, Einfluss auf ihr eigenes Leben zu haben. Selbstwirksamkeit schenkt ihnen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und stärkt die Zuversicht, auch zukünftige Herausforderungen bewältigen zu können.
Wie trägt das Miteinander im Montessori-Kinderhaus zur mentalen Gesundheit bei?
Das Miteinander im Montessori-Kinderhaus vermittelt Kindern eine wichtige Erfahrung. Sie erleben sich als Teil einer Gemeinschaft, in der jeder Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen wertvoll ist.
Besonders die Altersmischung bietet viele Möglichkeiten für gemeinsames Lernen. Jüngere Kinder finden Orientierung und Unterstützung bei den älteren, während ältere Kinder Verantwortung übernehmen und erleben, dass ihre Fähigkeiten für andere bedeutsam sind.
Im Alltag lernen Kinder, miteinander zu kommunizieren, Rücksicht zu nehmen, Konflikte zu lösen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Sie erfahren, dass Gemeinschaft bedeutet, nicht nur Unterstützung zu erhalten, sondern selbst etwas beitragen zu können.
Diese Erfahrungen stärken wichtige Grundlagen für mentale Gesundheit: Selbstvertrauen, Empathie und das Gefühl von Zugehörigkeit.
Was würden Sie Eltern mit auf den Weg geben, die zu Hause mehr Mitbestimmung wagen wollen, aber nicht wissen wie?
Partizipation beginnt nicht mit großen Entscheidungen, sondern im Alltag. Kinder brauchen nicht die Verantwortung für alles, sondern die Möglichkeit, dort mitzugestalten, wo es ihrem Alter und ihren Fähigkeiten entspricht.
Ein einfacher Anfang sind kleine, echte Wahlmöglichkeiten: „Möchtest du den roten oder den blauen Pullover anziehen?“ oder „Möchtest du zuerst Zähne putzen oder den Schlafanzug anziehen?“ Die Eltern geben den Rahmen vor, das Kind erlebt dennoch: „Meine Entscheidung zählt.“
Ebenso wichtig ist es, Kindern zu ermöglichen, selbstständig zu handeln. Eine kindgerechte Umgebung, erreichbare Materialien und kleine Aufgaben im Familienalltag – wie Tisch decken, Pflanzen gießen oder beim Kochen helfen – vermitteln: „Ich kann etwas beitragen und bin wichtig.“
Partizipation bedeutet nicht, Kindern alles zu überlassen. Kinder brauchen Erwachsene, die Orientierung geben und Sicherheit schaffen. Innerhalb dieses Rahmens entwickeln sie Selbstvertrauen, Verantwortungsgefühl und die Erfahrung, ein wertvoller Teil der Gemeinschaft zu sein.
Wenn Sie einen Satz hätten, um Eltern das Prinzip „Partizipation stärkt mentale Gesundheit“ zu erklären, wie würde er lauten?
In Anlehnung an den Gedanken von Johann Wolfgang von Goethe über Wurzeln und Flügel:
„Gehört zu werden gibt Kindern Wurzeln – mitgestalten zu dürfen gibt ihnen Flügel.“