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Blitzlicht 13 aus der Forschungswerkstatt: Nichts ist geistig antifaschistischer als die Montessori-Methode

„Nichts ist geistig antifaschistischer als die Montessori-Methode“ - Die Montessoris im Visier der faschistischen Geheimpolizei (Alle Übersetzungen: jb)

Aufgeregt äußert sich Spitzel Nr. 42 der italienischen Politischen Polizei am 29.10.1932 über Maria Montessoris „Methode“:

„Eine Methode, die unwiderstehlich [irresistibilmente] antithetisch im Gegensatz steht zu der mehrtausendjährigen klassischen Tradition ...: der Ansatz des Kindes, das sich daran gewöhnt, so zu handeln, 'weil es eben so ist' [perchè sì], das heißt, weil dies das Gesetz, die Regel, die Zucht ist, unter der es geboren wurde, unter der es leben, selbst Kinder zeugen und sterben muss.

Schlussfolgerung: Nichts ist geistig antifaschistischer als die Montessori-Methode ...“

Wir kamen solche Einschätzungen zustande?

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Die Personenakte zu Maria Montessori bei der Politischen Polizei

Die Politische Polizei des italienischen Innenministeriums, offiziell Organizzazione di Vigilanza di Repressione dell'Antifascismo (OVRA) war 1927 gegründet worden, übersetzt Organisation der Wachsamkeit zur Unterdrückung des Antifaschismus.

Angesichts dieser institutionellen „Wachsamkeit“ fielen Maria und Mario Montessori wegen ihres internationalen Wirkens natürlich auf. Von 1932 bis 1938 meldeten Spitzel immer wieder vermeintlich Belastendes aber auch Triviales zu Maria und Mario Montessori nach Rom zurück, so auch das oben zitierte Dokument.

Die Meldungen wurden in einer Personenakte zu Maria Montessori abgelegt (Archivio Centrale dello Stato di Roma, Ministero dell'interno div. Polizia Politica, Fascicolo Personale Montessori Maria, n. inventario 13-157-5, pacco 859, fase. n. 52, Montessori). Die Akte enthält neben Spitzelberichten auch abgefangene Schreiben sowie Telefonatmitschriften, was für eine ernsthaft durchgeführte, professionelle Spionagetätigkeit spricht.

Auslöser für die Verfolgung der Montessoris durch das Innenministerium könnte Montessoris Friedensrede in Genf im März 1932 gewesen sein: Im Umfeld von ONM-Präsident Emilio Bodrero, der enge Verbindungen zum Unterrichtsministerium hat, wird der Vortrag nämlich heruntergespielt, wie beispielsweise Leenders (2001) schreibt: „Montessoris Vortrag wird schlicht als Gelegenheitsrede zum passenden Anlass angesehen.“ Das Innenministerium mag sich hierdurch zu einer kräftigen Gegenreaktion veranlasst gesehen haben.

Auswertung der Personenakte

Die Auswertung der Montessori-Personenakte zu Forschungszwecken erfolgte, soweit erkennbar, erstmalig durch Giuliana Marazzi in ihrer Dissertation aus 1998, Maria Montessori e il fascismo. 

Leenders (1999, auf deutsch 2001) war die Akte nicht bekannt, worauf wir unten noch zurückkommen. 

Schwegmann (2010) zitiert (kommentarlos) daraus, dass Mario Montessori angeblich im Herbst 1936 mit den Partisanen in Spanien kämpfte.

Quarfood (2022) referenziert Marazzis Analyse der Akte der Politischen Polizei, verweist auch auf Foschis Arbeiten und spekuliert, ob Leenders bei Kenntnis der Akte ihre einseitige Einschätzung zu Montessoris politischen Sympathien und Taktiken relativiert hätte.

Gründlich ausgewertet wurde die Akte erstmalig von Renato Foschi in 2012 in seiner Biografie Maria Montessori. Diese Auswertung fasste er 2019 mit Ko-Autorin Elisabetta Cicciola zusammen, im Beitrag La leggenda nera di Maria Montessori. Considerazioni Storiografiche (Die schwarze Legende zu Maria Montessori. Historiografische Überlegungen).

Erica Moretti wertete die Akte dann in Kapitel 5 ihres Buchs The Best Weapon for Peace - Maria Montessori, Education, and Children's Rights (2021) im Kontext von Montessoris brüchig werdenden Zusammenarbeit mit der italienischen Regierung ab 1932 umfangreich aus.

Die Akte ist also im Prinzip erschlossen, wenn auch im deutschsprachigen Raum praktisch unbekannt. 

Erste Einträge aus 1932 in der Akte

Die ersten Dokumente in der Akte befassen sich mit der Verhaftung von Giuliana Sorge im Juli 1932, die von einer Kollegin an de Scuola di metodo Montessori als „antifaschistisch“ denunziert worden war. Sorge hätte gesagt, je älter Mussolini würde, desto dümmer wäre er (s. Blitzlicht 4). Dies scheint der erste Versuch gewesen zu sein, Montessori quasi offiziell als Antifaschistin anzuprangern, als Gegengewicht der unkritischen Bestrebungen des Außenministeriums, Montessoris Weltruhm zu Propagandazwecken zu nutzen.

Direkt anschließend findet Ende Juli/Anfang August 1932 in Nizza der zweite Internationale Montessori-Kongress statt. Im linken Rand eines abgefangenen Briefentwurfs von Bodrero an Montessori vom 26.08.1932 - worin die Teilnahmeverwehrung von ONM-Sekretär Castelli zu wichtigen Sitzungen in Nizza kritisiert wird - ist nachträglich handschriftlich hinzugefügt (s. Bild rechts; Quelle: ACS Rom):

„... beim [Abschluss-]Bankett wurde gerufen: Es lebe Montessori; nieder mit dem Faschismus!“

Es folgt in der Akte der schon erwähnte Bericht des Spitzels Nr. 42 vom 29.10.1932. Wie Foschi glaubhaft recherchierte, handelt es sich um Umberto Benigni (1862-1934), einem Strippenzieher im Vatikan, der dort von 1909 bis 1921 die antimodernistische Priestervereinigung Sodalitium Pianum gründete, die auch die Funktion eines kircheninternen Spionagenetzwerks hatte. Unklar ist, wieso ein von ihm im Alter von 70 Jahren geschriebener Bericht in der Akte landete.

Bodrero an MM 26.08.1932

Bespitzelung in Barcelona

Aus Barcelona berichtete ab 1933 vor allem der Spitzel „Torre“. Wie Foschi schreibt:

„Die OVRA verschärfte indessen die internationale Überwachung der Familie Montessori mit Hilfe ihres Netzes in Barcelona, wo Mario und Maria wohnten. Tatsächlich setzte zwischen Rom und Barcelona eine Reihe von Berichten ein, die vom Spitzel 235 gezeichnet und häufig mit ‚Torre‘ unterschrieben waren. Es handelte sich um Santorre Vezzari, einen der aktivsten OVRA-Spitzel in Europa, mit einem Netz von Eingeschleusten in Barcelona — bis hinein in die Reihen der Linken — und mit genauer Kenntnis der laizistisch-republikanischen antifaschistischen Opposition, der italienischen ebenso wie jener, die in Nordspanien wirkte (Heiberg/Ros Agudo, 2006; zu den Spitzeln des Regimes vgl. Canali, 2004).“

Hierzu muss man wissen, dass der linksrepublikanische Nationalist Francesc Macià eine im November 1932 in Kraft getretene Autonomie Kataloniens erzielt hatte. 

Katalonien wurde zur sicheren Exilstation u.a. von italienischen Antifaschisten. Dass die Montessoris zu der Zeit in Barcelona wohnten und Kontakte zur Regierung und Exilitalienern hatten, war daher höchstverdächtig.

So schreibt ein Spitzel am 27.02.1933 aus Barcelona, wo Montessori-Schulen gerade sehr beliebt geworden waren:

"Dottoressa Montessori und ihr Sohn Mario Montesano-Montessori stehen in ständigem Kontakt mit Macià und allen Machthabern in Barcelona und Madrid. Es ist müßig über den Antifaschismus zu sprechen, der Grundlage des Montessori-Systems, was allgemein bekannt ist."

Es fällt auf, dass die pauschalen, oft abwertend formulierten Beobachtungen immer wieder auf das offenbar innerhalb des Kreises der faschistischen Spitzel akzeptierte Verständnis Bezug nehmen, dass Montessori als Antifaschistin einzuordnen sei. 

Bespitzelung an den Kongressen in Amsterdam (1933) und Rom (1934)

Bereits in Blitzlicht 4 hatten wir berichtet, eine Gesandtschaft der italienischen Regierung hätte im Auftrag des neuen ONM-Präsidenten Piero Parini auf dem Internationalen Montessori-Kongress in Amsterdam im Juli/August 1933 dazu eingeladen, den nächsten Kongress in Rom in 1934 abzuhalten. Alles spricht dafür, dass Montessori zugesagt hat; es steht sogar zu vermuten, dass die Einladung schon im Vorfeld mit ihr abgestimmt war.

Interessanterweise meldet ein Spitzel am 07.08.1933, also noch während des Kongresses, aus Amsterdam nach Rom, Montessori hätte erklärt, 

„sie nehme zwar die Vergünstigungen und Ehrbezeugungen der italienischen Schulbehörden an, wisse aber, oder sei zumindest davon überzeugt, dass die freundliche Nachsicht, wenn nicht gar Bewunderung, die ihr der ehrenwerte Piero Parini ... entgegenbringen, sie dazu ermuntern solle, nach Italien zu kommen. Demgegenüber soll sie, wie man im schulischen Umfeld hört, erklärt haben, sie werde nie wieder nach Italien zurückkehren, wohl wissend, dass man ihr im Falle einer Rückkehr die Ausreise nie wieder erlauben würde. Diese Erklärung wurde seit dem Kongress in Nizza vor drei Jahren im Ausland weit verbreitet, wo auch Rufe wie ‚Nieder mit dem Faschismus, es lebe Montessori usw. usw.‘ zu hören waren.“

Quellen für diese Informationen gibt der Spitzel wie üblich nicht an; im Übrigen ist die Zuschreibung zum Kongress „vor drei Jahren“ in Nizza falsch, da dieser im Juli/August 1932 stattfand (s. oben).

Die angesprochene Sorge der Montessoris, bei einer Reise nach Rom nicht wieder ausreisen zu können, wird aber auch aus anderen Quellen unterstrichen. So berichtet am 14.04.1934 ein Spitzel aus dem Generalkonsulat in Barcelona (nachträglich):

„Am folgenden Tag, einen Tag vor seiner Abreise nach Italien, suchte Dr. Montessano, Sohn von Montessori, persönlich den Konsul auf ... . Er verbarg seine tiefe Besorgnis nicht, da er verstand, dass man in Italien erwog, ihn nicht wieder ausreisen zu lassen.

Der Konsul beruhigte ihn, indem er ihm sagte, er habe keine Beweise gegen ihn, und Montessano antwortete außerdem, dass er schließlich persönlich in Rom mit dem Regierungschef darüber sprechen werde, der ihn zusammen mit seiner Mutter empfangen werde.

Ich werde dazu nichts weiter sagen – es ist klar, dass die Firma [ditta] Montessori unruhig ist und spürt, dass auch Rom sich ihres Antifaschismus bewusst ist.“

Mario Montessoris Erinnerung an 1934: "Mein Pass wurde ‚gestohlen‘"

Mario Montessori erinnert sich hierzu in einem englischsprachigen Brief an die englische Montessori-Anhängerin Phoebe Child am 24.05.1946 aus Karachi (Quelle: AMI Montessori Archives, Amsterdam), die ihn anscheinend zu kursierenden Faschismus-Vorwürfen befragt hatte:

„Es war unsere Weigerung ..., Kurse unter faschistischer Schirmherrschaft im Ausland anzubieten – (obwohl sie uns baten, unser eigenes Honorar zu bestimmen, stellten sie uns für diese Kurse die damals sehr mächtige Maschinerie der faschistischen und nazistischen Propagandamaschinen zur Verfügung; sie boten uns einen Botschafterrang an, prüften den enormen Verkauf von Material und Büchern; und sagten, dass alle Gebühren der Kurse an uns gehen würden) – die die italienische Regierung (einige Jahre nach der Verhaftung Sorges in einem letzten Versuch, den Ruhm Mammolinas zu einem weiteren Werkzeug in ihren Händen zu machen – tatsächlich war es in dem Jahr, in dem die Opera Montessori die Montessori-Konferenz in Rom organisierte) dazu veranlasste, geradezu hinterhältig vorzugehen.

Mein Pass wurde ‚gestohlen‘, sodass ich einige Wochen bleiben musste, um allen möglichen Hinweisen ausgesetzt zu werden, was passieren würde, wenn ... Aber ich antwortete nur, dass es töricht sei, das zu glauben; und dass Mussolinis Regierung niemals jemandem etwas Unfreundliches tun würde, der für das Wohl der Menschheit gearbeitet hatte, übrigens Italien Ruhm brachte; und der sich nie mit Politik beschäftigt hatte.

Es schien zu funktionieren, denn ich bekam einen weiteren Pass. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mein Lächeln nie verlor, und nie versteckte, dass Politik und unsere Arbeit nichts miteinander zu tun hatten, dass ich zu sehr für das Kind war – und dass das Kind keine Politik kennt – und dass ich, wenn überhaupt, ‚kindisch‘ war.

Sie schienen mir in beiderlei Hinsicht zuzustimmen, und schließlich ließen sie mich gehen. Aber seitdem begann die ‚Flüsterkampagne‘ überall zu wirken, wo wir hingingen.

Leider muss man auch die Äußerungen von Mario Montessori, mehr als zehn Jahre später, mit einem Fragezeichen versehen, zumal Phoebe Child eine Bewunderin von ihm war und er sich ihr gegenüber generell positiv in Szene setzte. So ist sein Hinweis auf das Angebot der Nazis, deren „Propagandamaschine“ nutzen zu können, in keiner Weise durch unsere Forschung belegt. 

Der Franco-Putsch im Juli 1936 

Einiges aus der Akte der Politischen Polizei ist also plausibel bzw. durch andere Dokumente belegt. Manchmal muss man aber davon ausgehen, dass vage Informationen zu Geschichten zusammengefügt wurden, die nicht der Realität entsprachen, aber vielleicht zuhause in Rom einen guten Eindruck von der emsigen Tätigkeit des Spitzels machen sollten.

So werden nach dem Franco-Putsch am 19.07.1936 die Berichte detaillierter, aber damit nicht zutreffender. Ein Spitzel schreibt am 11.08.1936 (s. Bild rechts):

„Nachrichten aus bester Vertrauensquelle melden, dass am 19. Juli dieses Jahres — also nach Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den Aufständischen und den Regierungstreuen — der Neffe der Montessori, Prof. Mario Montesano, überstürzt Paris verließ, wo er sich aufhielt, und sich nach Barcelona begab, wo er sich Prof. Ventura y Gasol zur Verfügung stellte, einem bekannten spanischen Kommunisten, von dem er den Auftrag erhielt, Trupps der in Barcelona ansässigen italienischen Antifaschisten für den erbarmungslosen Kampf gegen die Faschisten zu organisieren.

Montesano machte sich sogleich ans Werk, indem er persönlich „rote“ Patrouillen organisierte und anführte.“

(Mario wurde immer wieder in den Spitzelberichten als Neffe Montessoris bezeichnet und beruflich höher gestellt als zutreffend gewesen wäre, vielleicht um seine Gefährlichkeit zu übertreiben.)

Im Gegensatz dazu schreibt Mario glaubhaft, dass er sich im Juli 1936 aus England, wo er den ab 31.07.1936 stattfindenden Internationalen Montessori-Kongress in Oxford vorbereitete, auf den Weg nach Spanien machte, um seine Mutter zum Kongress nach England abzuholen, als er von unterwegs hörte, dass sie am 28.07.1936 von einem britischen Marineschiff außer Landes gebracht worden sei - er sei daraufhin umgekehrt. Dass er also ab 19.07.1936 vor Ort in Barcelona italienische Landsleute zu einer Kampfeinheit auf republikanischer Seite zusammenstellte, ist kaum glaubhaft – er war dabei, alle Brücken nach Barcelona abzubrechen.  

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Mario Montessori "an der Front"

Die Behauptung wird aber fortgesetzt und weiter ausgeschmückt. So berichtet „Torre“ am 20.11.1936:

"Nach einer sehr sorgfältigen Erkundigung ... hat sich ergeben, dass Rechtsanwalt Mario Montesano, der Neffe der Montessori, sich an der Front von Huesca [Teil der damaligen Front zwischen Republikanern und Francisten in Aragón] befindet, dem Generalstab zugeteilt, zusammen mit Rosselli. Dies ergibt sich auch aus Korrespondenz Montesanos, die in der Calle Ganduxor eingegangen ist."

Im Bericht wird also noch der Name von Carlo Rosselli eingestreut, wohl um der Meldung mehr Gewicht zu verleihen. Foschi erläutert, dass „das von Mario Montessori frequentierte Milieu der republikanischen Linken Barcelonas ... dem italienischen Sozialisten und Republikaner Carlo Rosselli [nahestand], der ein Nachkomme der Familie Nathan war.“

Rosselinis Großonkel Ernesto Nathan war von 1907 bis 1913 Bürgermeister in Rom und mit Maria Montessori seinerzeit gut bekannt. So kannte Mario wahrscheinlich Rosselli tatsächlich, war aber nicht mit ihm an der Front.

Die Stimmung kippt endgültig

Im erwähnten Bericht vom 11.08.1936 heißt es eingangs:

„Frau Dr. Maria Montessori, die gewöhnlich in Barcelona in Gesellschaft ihres Neffen Prof. Mario Montesano wohnt, ist eine politisch höchst unzuverlässige Person, entschieden feindlich gegenüber dem Faschismus, mit kommunistischen Neigungen — ungeachtet dessen, dass sie in der Hoffnung, persönliche Vorteile zu erlangen (und sie hat welche erlangt), versucht hat, diese ihre Gesinnung unter einem flüchtigen Anstrich von Faschismusfreundlichkeit zu verbergen.“

Unten auf dem Bericht ist ein handschriftlicher Kommentar: „Diese elendige Dame [miserabile donna] wurde vor Jahren durch die Fürsprache des Unterrichtsministers gerettet.“

Laut Stempelaufdruck auf dem Dokument hat Mussolini diesen Bericht gesehen. Ein Vergleich der Kommentar-Handschrift mit vorliegenden handschriftlichen Briefen von Mussolini spricht für eine Kommentierung durch jemand anders, nicht von ihm selbst, aber er hat den Kommentar sicherlich gesehen. Falls es vorher noch eine unterschwellige Sympathie von Mussolini für Montessori gegeben hat, wird sie wohl spätestens zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden gewesen sein.

Einordnung der Funde aus der Akte der Politischen Polizei

Es ist sehr glaubhaft, dass die Montessoris spätestens ab 1932 Sorge haben mussten, unter Beobachtung zu stehen.

Es gab zwar am 25.02.1933, also direkt nach der Machtergreifung Hitlers, eine offene Äußerung von Herbert Axster gegenüber Mario Montessori (s. Blitzlicht 2):

„Du weißt, dass es nicht leicht für mich ist, da ich diese Leute, die uns nun anführen, nicht wirklich mag.“ 

Im zeitlich darauf folgenden, uns aus dem AMI-Archiv bekannten umfangreichen jahrelangen Schriftverkehr zwischen Mario Montessori und den Axsters haben wir aber weder zur italienischen noch zur deutschen Regierung politisch kritische Äußerungen gefunden.

Man kann vermuten, dass dies unterblieb, weil man der womöglich mitlesenden OVRA - und später auch Gestapo - keine Angriffsfläche bieten wollte. 

Wie gesagt, ist uns in der deutschsprachigen Montessori-Sekundärliteratur keine Erwähnung oder Bewertung von Montessoris Akte bei der Politischen Polizei bekannt.

Wenn wir als Musterbeispiel für die deutsche Montessori-kritische Literatur das Buch von Hélène Leenders, Der Fall Montessori (2001), nehmen, so reicht schon ein Zitat um aufzuzeigen, dass Montessoris damalige Situation in Italien bei Kenntnis der Akte hätte differenzierter dargestellt werden müssen. So bewertet Leenders Montessoris Auftritt beim Kongress in Rom 1934 und schreibt zusammenfassend:

„In diesem Sinne können wir auch Montessoris Rede 1934 in Rom verstehen: als eine Lobrede auf den Faschismus, für dessen Taten sie in erster Linie Mussolini verantwortlich sieht.“

Der Appell, die Geschichte und die Situation der Montessoris damals differenziert darzustellen, gilt natürlich auch für unsere eigene Arbeit. So wäre es falsch, anekdotische Berichte aus der Akte ungeprüft für den Nachweis einer bestimmten politischer Grundauffassung der Montessoris zu verwenden. Wir haben die Dokumente in der Akte im Rahmen unserer Forschung selektiv verwendet, einerseits zum Abgleich mit Erkenntnissen aus anderen Dokumenten, andererseits als Ausgangspunkt für weitere Recherchen.

Literatur

Renato Foschi (2012), Maria Montessori. Rom: Ediesse.

Renato Foschi und Elisabetta Cicciola (2019), La leggenda nera di Maria Montessori. Considerazioni Storiografiche. In Il destino di Maria Montessori.; S. 115-149. Herausgeber: Renato Foschi, Erica Moretti, Paola Trabalzini. Rom: Opera Nazionale Montessori.

Hélène Leenders (2001), Der Fall Montessori. Die Geschichte einer reformpädagogischen Erziehungskonzeption im italienischen Faschismus. (Aus dem Niederländischen von Petra Korte.) Bad Heilbrunn: Klinkhardt. 

Giuliana Marazzi (1998), Maria Montessori e il fascismo. Rom: La Sapienza Universität.

Erica Moretti (2021): The Best Weapon for Peace - Maria Montessori, Education, and Children's Rights. Madison: University of Wisconsin Press.

Christine Quarfood (2022), The Montessori movement in interwar Europe: New perspectives. Cham: Palgrave Macmillan.

Wie geht es weiter?

Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.

Unter anderem behandeln wir den bislang unbekannten kurzen Text "Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr", augenscheinlich von Montessori 1927 geschrieben. 

Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.

Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.

Finanzierung des Forschungsprojekts

Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.

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