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Blitzlicht 12 aus der Forschungswerkstatt: Der (erfolglose) Kampf um Grunwalds Nachfolge

Käthe Stern erntet „… nichts als die ekelhaftesten Beschimpfungen der Axterei …“

Am 16.2.1933 schickt Dr. Käthe Stern den zweiten Band ihrer Abhandlung zum „erweiterten Montessori-System“ an Prof. Wichard von Moellendorff. Im Begleitbrief beklagt sie, dass sie „nichts als die ekelhaftesten Beschimpfungen der Axterei“ [Herbert Axster wird bei Stern durchgängig falsch ohne „s“ geschrieben] geerntet hätte – obwohl sie immer loyal und respektvoll gegenüber Montessori geblieben sei. Einige Jahre zuvor, Ende 1929 Anfang 1930, hatte Käthe Stern mit von Moellendorff intensiv korrespondiert. Sie wollte ihn nicht nur als Verbündeten gegen den „Axter-Fuchs“ gewinnen – sondern den erfahrenen Politiker und Wissenschaftsmanager direkt als Vorsitzenden der Deutschen Montessori-Gesellschaft (DMG) installieren.

Käthe Stern, geb. Brieger (1894 - 1973), ist eine der durchaus zahlreichen Montessori-Pädagoginnen, die sich von Montessoris Pädagogik anregen ließen, darin auch einen äußerst wertvollen Beitrag zur Verbesserung von Erziehung und Unterricht sahen – aber sich nicht als „Jüngerinnen“ verstehen wollten. 

Stern sah sich, ebenso wie Clara Grunwald, Helen Parkhurst, Lili Roubiczek-Peller, Cornelia Philippa-Siewertz van Reseema als selbständige und selbstbewusste Pädagogin.

Sie hatte 1918 in ihrer Heimstadt Breslau in Physik promoviert und in den 1920er Jahren eine Zeit lang mit ihrem Mann in Berlin gelebt, wo sie einen Montessori-Ausbildungskurs besuchte und anschließend ein Montessori-Kinderhaus leitete. Der berufliche Weg ihres Mannes, des Arztes Dr. Rudolf Stern (zeitweise bei Prof. Fritz Haber an dessen Institut tätig), führte die Familie zurück nach Breslau, wo Käthe Stern erneut ein Kinderhaus eröffnete, in dem sie ihre pädagogischen Konzepte erprobte. 

Stern traute sich zu, eigenständig pädagogisch zu arbeiten und zu forschen – und darüber auch wissenschaftliche Beiträge zu verfassen. Ihre Erfahrungen und Schlussfolgerungen stellte sie in zwei Büchern in einem renommierten Fachverlag vor:

Stern, Käthe (1932): Methodik der täglichen Kinderhauspraxis. Leipzig: Quelle & Meyer.

Stern, Käthe (1933): Wille, Phantasie und Werkgestaltung in einem erweiterten Montessori-System. Leipzig: Quelle & Meyer.

Staatssekretär a.D. Prof. von Moellendorff soll helfen

In der tiefen Krise der DMG Ende der 1920er Jahre, die sich nach dem Montessori-Kongress in Helsingör im August 1929 zuspitzte, hatte Käthe Stern versucht, ihre Position durch die Einschaltung wissenschaftspolitischer Schwergewichte zu verstärken. Vermittelt über den Nobelpreisträger Prof. Fritz Haber (1868-1934), den Taufpaten ihres Sohnes Fritz Stern, hatte sie im Spätjahr 1929 Kontakt zu Prof. von Moellendorf (1881-1937) aufgenommen, einer „Persönlichkeit von Bedeutung und organisatorischer Kraft“, wie sie im ersten undatierten Brief formuliert.

Sie wollte ihn als Kandidaten für den Vorsitz der DMG ins Rennen schicken und rechnete sich offenbar gute Chancen aus, durch den renommierten parteilosen Wissenschaftsmanager und Wirtschaftspolitiker ein Gegengewicht zu Montessoris deutschem Statthalter Dr. Herbert Axster zu installieren.  

Nachdem wir schon mit Elsa Ochs eine unterschätzte Montessori-Pädagogin entdeckt hatten (vgl. Blitzlicht 6), scheint auch die promovierte Physikerin Dr. Käthe (nach ihrer Emigration in die USA: Cathrine) Stern eine im Hintergrund äußerst aktive, bislang völlig unterschätzte „Strippenzieherin" gewesen zu sein - und eine sehr selbstbewusste noch dazu, wie man am oft ironischen, gelegentlich auch selbstironischen Tonfall ihrer Briefe an diverse Professoren erkennen kann.

Möglicherweise war sie in den Jahren ab 1929, als Clara Grunwald sich zurückzog, sogar die zentrale Aktivistin auf der Seite der DMG.

Bild rechts: Erste Seite eines Briefs von Käthe Stern an Wichard von Moellendorff, undatiert, Ende Oktober 1929, mit seinen handschriftlichem Entwurf einer Antwort (Bundesarchiv Koblenz)

Käthe Stern an WvM Ende Okt. 1929

Die Vorgeschichte

Die „Vorgänge in Helsingör“ waren europaweit von vielen Montessori-Anhängerinnen gewissermaßen als Schlag ins Gesicht wahrgenommen worden (vgl. Blitzlicht 7).

So heißt es in den (letzten) Montessori-Nachrichten der DMG vom September 1929, im „Bericht aus der Sitzung des Hauptvorstandes am 29. August 1929":

"Infolge der Vorgänge in Helsingör erklären Fräulein Grunwald, Frl. Ochs, Frau Simion und Frl. Strönisch ihren Austritt aus dem Vorstand.“ 

Für den 3. Oktober wurde eine außerordentliche Generalversammlung der DMG einberufen, auf der die Reichsorganisation der DMG aufgelöst werden sollte. Vermutlich wurde die avisierte Auflösung aber nicht vollzogen, denn in den folgenden Wochen scheint sich ein formidabler Machtkampf um Ausrichtung und Vorsitz vollzogen zu haben. Abgesichert ist, dass Ortsgruppen (Berlin, Aachen, eventuell auch in anderen Städten) weiter bestanden. 

Die in Helsingör verkündete neue internationale Verbandsarchitektur lief auf eine Art Franchise-System hinaus, in dem die nationalen Montessori-Verbände unselbständige, tributpflichtige Filialen sein sollten. Montessoris unbedingter Führungsanspruch und beträchtliche finanzielle Abgabepflichten stießen auf massive Ablehnung – hatte man doch bisher angenommen, dass Montessori für Freiheit und Selbstbestimmung stünde. Die dramatische Folge war die Spaltung der Anhängerschaft. 

Käthe Stern bringt es in gezeigten ersten Brief (s.o.) an von Moellendorff so auf den Punkt:

„Frau Dr. Montessori ist eine bedeutende Persönlichkeit, der wir deutschen Montessori-Lehrerinnen einen übereinstimmenden grossen Respekt entgegenbringen. Die Schwierigkeiten, die entstanden sind, schreiben sich daher, dass sie 2 Dinge ausser unserem Respekt und unserer Bereitwilligkeit, für ihre Ideen zu wirken, fordert, die sich in dem geforderten Umfange nicht erreichen lassen: Geld und unbedingten Gehorsam.“ 

Sterns Bemühungen um von Moellendorff

Aus dem neu erschlossenen Briefwechsel, den wir im Nachlass von Moellendorff im Bundesarchiv Koblenz (Signatur N 1158/200), ausfindig machen konnten, lassen sich Sterns Bemühungen um von Moellendorff zumindest in groben Zügen rekonstruieren. Sichtbar wird dabei auch die ganze Hässlichkeit dieser erbitterten Fehde, die die Montessori-Bewegung tief gespalten hatte.

Offenbar versuchten Herbert und Ilse Axster, bevor sie 1930 den Verein Montessori Pädagogik Deutschland (VMPD) neu gründeten, zunächst die DMG von innen auf den orthodoxen Montessori-Kurs einzuschwören. Erfolglos, wie wir wissen – weil der Anspruch weitgehender Unterordnung unter die „Lex Montessori“ nicht nur bei Käthe Stern zu Unmut, Protest und spöttischer Abgrenzung führte. 

Der Versuch scheitert

Am 16. November 1929 fasst Prof. Fritz Haber, Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin, seine Situationsanalyse in einem Schreiben an Albert Gosse, den Schatzmeister der DMG, zusammen (Bild rechts; Bundearchiv Koblenz):

„Ich habe den Eindruck, dass sich der Montessori-Ges. im Augenblick zwei Strömungen kreuzen, die unter anderen Verhältnissen sich zu unterstützen pflegen: die ‚Jünger‘ und die ‚Freunde‘.

Die Jünger schwören auf die Worte der Meisterin. Sie bringen ihr eine Art religiöser Unterwerfung entgegen und wollen ihr nicht nur im Grundsätzlichen und Methodischen, sondern auch im Praktischen und Geschäftlichen, kurz in allem und jedem folgen und dienen. Sie gruppieren sich um Herrn AXTER, der als Bevollmächtigter der Frau Dr. MONTESSORI die Deutsche Montessori-Gesellschaft im Sinne der Jünger zu leiten bereit erscheint.

Das andere sind die Freunde. Sie sind nicht weniger bereit auf Frau Dr. MONTESSORI zu hören, ihr Ehre zu erweisen und von ihr zu lernen. Aber sie wollen ihre Selbständigkeit im Denken und Tun nicht aufgeben. Sie wünschen sich Herrn v. MOELLENDORFF als Führer der Deutschen Montessori-Gesellschaft.“

Er gibt das Schreiben auch von Moellendorff, den er mit „Lieber Freund!“ anredet, zur Kenntnis. Auf der Rückseite des Haber-Schreibens hat von Moellendorff handschriftlich wohl den Entwurf seines Antwortschreibens mit Datum 27.11. notiert. Darin führt er verärgert Klage über das, was er entweder selbst erlebt hat oder berichtet bekommen hatte aus einer „Dienstagsbesprechung“ und einer „Freitagssitzung“. Axster jedenfalls kommt nicht gut dabei weg und wird als „kleinkarierter Hochstapler“ beschrieben. Er, von Moellendorff, sei jedenfalls „genügend abgeschreckt, um die Wiederanbahnung eines Weges für unmöglich zu halten.“ Und:

„Es lohnt nicht, einen Blinden in die dunkle Gegend des Herrn A. tappen zu lassen.“

Das Schreiben an Gosse bekommt auch der preußische Kultusminister Prof. Carl Heinrich Becker zur Kenntnis. Am 26.11.1929 schreibt Fritz Haber an Becker, mit dem auch Axster in Kontakt steht. Er will damit offenbar von Moellendorffs Stellung als DMG-Vorstandskandidat stärken, indem er gegenüber Becker betont, dass die gedeihliche Entwicklung der Montessori-Bewegung gehemmt werde durch die Idee Maria Montessoris, „eine Art Befehlsgewalt durch Vermittlung von Herrn AXTER [sic]“ auszuüben.

Haber an Gosse 26.11.1929

Käthe Sterns stilisierte Wut

Käthe Sterns Schreiben sind immer wieder von humorvollen, oft sarkastischen Sequenzen oder gereimten Passagen durchzogen:

„Der Gedanke blitzt, und die Tinte quillt –
Natürlich – jetzt gerade – das Telefon schrillt.
Wenn man wenigstens etwas von Wichtigkeit hört,
Aber nein: mit Torheiten wird man gestört.
‚Frau Witt ..! Montessori ? … ein neues Statut …!‘
Und durchaus verständlich brodelt die Wut.“ 
(Käthe Stern an Wichard von Moellendorff am 15.7.1930) 

Bild rechts: Auf S. 109 der von uns gesichteten von Moellendorff-Akte finden wir ein bitterböses Gedicht von Käthe Stern als Beigabe eines Briefs vom 13.02.1930 an ihn. Mit "Ihrer Führung" zum Schluss ist hier offensichtlich NICHT die Führung durch Montessori, sondern die durch den erhofften Ersten Vorsitzenden der DMG von Moellendorf gemeint!

Käthe Sterns weitere Arbeit

Gleichwohl nahm Käthe Stern von Moellendorffs naturwissenschaftliche Expertise für ihre Überprüfung und Weiterentwicklung der Montessori-Materialien weiterhin gerne in Anspruch – so wie sie auch später nach ihrer Emigration 1938 in den USA dazu im Austausch mit Albert Einstein und Max Wertheimer stand. Aus einem der letzten archivalisch verfügbaren Schreiben von Käthe Stern an von Moellendorff vom 16.2.1933 wurde bereits eingangs zitiert. Ein etwas längerer Ausschnitt aus diesem Brief zeigt noch einmal die ernüchterte Abkehr von Maria Montessori vieler enttäuschter Pädagoginnen, für die Käthe Stern vielleicht exemplarisch steht:

„Mit herzlichem Dank für Ihr Mitgefühl und Ihre Ermutigungsaktionen lege ich heute den 2. Band in Ihre Hände. Leider mußte ich der Einheitlichkeit wegen doch den Namen Montessoris auf das Titelblatt schreiben. Ich habe nichts als die ekelhaftesten Beschimpfungen der Axterei in offiziellen Blättern von meiner Pietät geerntet. Dabei steckt im 2. Band wirklich so gut wie nichts mehr von der Päbstin [sic!] – aber der erste ist doch nun einmal auf ihrer Methode aufgebaut.“

Gedicht Käthe Stern

DMG-Spuren in den Folgejahren

Im vereinsinternen DMG-Streit um die Ausrichtung gab es anscheinend keinen Gewinner. Von Moellendorff scheint sich gegen eine aktive Rolle entschieden zu haben – jedenfalls gibt es keine Hinweise, dass er tatsächlich aktiv wurde. Es scheint mit Vorgesprächen und informellen Abklärungen sein Bewenden gehabt zu haben. In Dokumenten zur Montessori-Verbandspolitik aus den Jahren 1931 und 1932 tauchen DMG-Repräsentanten – etwa Geheimrat Hertwig, Prof. Gerhards sowie Eva von der Dunk – ohnehin nur noch selten auf. Einige wenige Erwähnungen finden sich im Protokoll der Aussprache vor dem Provinzial-Schulkollegium am 15.5.1931 und im Band mit den Beiträgen des von Paul Oestreich organisierten Kongresses für Kleinkind-Erziehung vom 1. bis 5. Oktober 1932. Diese Dokumente waren bereits in der verdienstvollen Arbeit von Diana Stiller (Clara Grunwald und Maria Montessori, Hamburg: Diplomica Verlag, 2008) nachgewiesen.

So berichtete Käthe Stern am 19.3.1930 ihrem Briefpartner von Moellendorff verbittert:

"jetzt erst habe ich den letzten Graus von M² zu lesen bekommen, und nun habe ich endgültig genug."

(Bundesarchiv Koblenz. Hinter das "M" ist handschriftlich eine hochgestellte Ziffer angefügt. Es könnte M² heißen. Vielleicht Maria Montessori, Montessori x Montessori, oder Mario und Maria Montessori.)

Und am 1.9.1930 schreibt etwa Eva von der Dunk, eine andere selbstbewusste Montessorianerin aus der DMG-Fraktion, an Maria Montessori zu deren 60. Geburtstag (geboren wurde Maria Montessori am 31.8.1870):

„Mein Herz ist nicht frei für einen höflichen Glückwunsch, es gibt nur einen einzigen Wunsch, den ich Ihnen in diesem Augenblick zurufen könnte: dass Sie nicht selbst durch Ihre Haltung die Montessori-Arbeit in Deutschland zerstören, der wir lange Jahre all unsere Kräfte gewidmet haben. […] Anstatt […] Zusammenarbeit fordern Sie von uns Dinge, die eines freien Menschen unwürdig sind. […] Sie haben eine neue Vertrauensperson für Deutschland ernannt – einen Mann, zu dem fast niemand volles Vertrauen hat.“ (AMI Montessori Archives, Amsterdam)

Mutmaßlich Mario Montessori reagiert zunächst, indem er für eine Bürokraft die handschriftliche Anweisung notiert: „Answer adequately like this: ‚Go to hell!‘“ Maria Montessori reagiert mit Schreiben vom 7.9.1930 (AMI Montessori Archives) allerdings in erstaunlich moderatem Tonfall - von Marios Reaktion erfuhr von der Dunk also damals nichts - ohne allerdings in der Sache entgegenzukommen.

Biografische Notizen

Prof. Wichard von Moellendorff (1881-1937), zunächst Maschinenbauingenieur bei der AEG, wurde im Ersten Weltkrieg gemeinsam mit Walther Rathenau zu einem führenden Organisator der deutschen Kriegswirtschaft. 1918/19 war er Professor für Nationalökonomie und Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium. Von 1923 bis 1929 leitete er das Staatliche Materialprüfungsamt und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung. In den folgenden Jahren blieb er Mitglied wichtiger Gremien und veröffentlichte 1932 eine Aufsatzsammlung unter dem programmatischen Titel „Konservativer Sozialismus“. Im Dezember 1932 wurde er als möglicher Arbeitsminister im Kabinett Schleicher (Vorwärts, 3.12.1932) gehandelt. Nach Scheidung von seiner ersten Frau heiratete er 1935 Erika Dienstag (1909–1937), die jüdischer Herkunft war. Infolge der Nürnberger Rassen-Gesetze sah Erika von Moellendorff keinen Ausweg und nahm sich am 1. Mai 1937 das Leben. Drei Tage später, am 4. Mai 1937, beging auch Wichard von Moellendorff Suizid.

Prof. Fritz Stern (1926-2016), der Sohn von Käthe und Rudolf Stern, war ein international berühmter Historiker. Mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft, aus der auch eine Buchpublikation hervorging (Schmidt, Helmut & Stern, Fritz [2010]: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. München: C.H. Beck). In seinen Lebenserinnerungen finden sich die Hinweise auf seinen Patenonkel Prof. Fritz Haber und die Versuche seiner Mutter Käthe Stern, Prof. von Moellendorff als DMG-Vorsitzenden zu gewinnen (Fritz Stern [2007]: Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. München: Verlag C.H. Beck 2007; amerik. Original: 2006, S. 96).

Prof. Fritz Haber (1868-1934) war einer der bedeutendsten deutschen Chemiker seiner Zeit. Er entwickelte das berühmte Haber-Bosch-Verfahren zur Kunstdünger-Herstellung – und im Ersten Weltkrieg federführend die Chlorgas-Kriegsführung. 1911 war Haber Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem, dem Vorläufer des heutigen Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft. 1919 wurde ihm der Nobelpreis für Chemie zugesprochen – und gleichzeitig galt er den Alliierten als deutscher Kriegsverbrecher. Haber war selbst jüdischer Abstammung, verstand sich aber als deutscher Patriot und war 1892 zum Protestantismus konvertiert. Am 30. April 1933 reichte er seinen Rücktritt ein. Der Rücktritt erfolgte aus Protest gegen die von den Nazis erzwungene Entlassung jüdischer Mitarbeiter. An den preußischen Kultusminister Bernhard Rust schrieb er, seine wissenschaftliche Tradition verlange von ihm, Mitarbeiter nur nach fachlicher Leistung und Charakter und nicht nach ihrer „rassenmäßigen Beschaffenheit“ auszuwählen.

Albert Gosse, Prof. Karl Gerhards, Geheimrat Prof. August Hertwig (1872-1955) waren zeitweise Mitglieder im Vorstand der DMG, Gosse als Schatzmeister, Gerhards als 1. Vorsitzender, Hertwig als 2. Vorsitzender. Über ihren Lebensweg und ihr Schicksal nach 1933 ist kaum etwas bekannt. Von Albert Gosse gibt es publizierte Erinnerungen „Wie ich Montessori-Vater wurde“ (Mitteilungen der Deutschen Montessori-Gesellschaft, 7. Jahrgang Heft l/1959, S. 13f.), von Karl Gerhards einige Aufsätze zur Montessori-Pädagogik aus den Jahren vor 1933 (beispielsweise die 40seitige Abhandlung: Gerhards, Karl: Zur Beurteilung der Montessori-Pädagogik. Eine Auseinandersetzung mit ihren heutigen Kritikern (Stern, Hessen, Spranger, Muchow). Leipzig: Quelle & Meyer 1928).

Eva von der Dunk, geb. Marcus, (1896-1979) ist eine weitere, bisher in der Montessori-Literatur bestenfalls mit Randnotizen bedachte, jüdische Montessori-Pädagogin. Sie scheint sowohl in Essen als auch in Altona zeitweise Kinderhäuser geleitet zu haben. Auch vertrat sie die DMG auf dem Kongress über Kleinkind-Erziehung des Bundes der entschiedenen Schulreformer im Oktober 1932 mit dem Vortrag „Was bedeutet die Entdeckung des Montessori-Phänomens?“ (In: Oestreich, Paul [Hrsg.] [1932]: Das Kleinkind, seine Not und seine Erziehung. Vorträge vom Kongreß für Kleinkind-Erziehung des Bundes Entschiedener Schulreformer vom 1.–5. Oktober 1932 im Neuen Rathaus zu Berlin-Schöneberg. Jena: Verlagsbuchhandlung Karl Zwing. S. 136-141). Diesen Vortrag wiederum kritisierte Ilse Axster in einer Stellungnahme harsch in herablassendem und besserwisserischem Ton („Montessori-Erziehung – Erziehung zur Gegenwart“. In: Neue Erziehung. 13. Jg. 1931, S. 509 – 515). Ansonsten ist über sie wenig gesichert bekannt. Lebensdaten finden sich auf einer ihrem Vater, dem Amtsrichter und Philosophen Ernst Marcus, gewidmeten privaten Webseite (www.luebben-web.de). Demnach wäre sie am 8. August 1896 in Essen geboren und am 17. Mai 1979 in Arcegio (Schweiz) verstorben. 

Wie geht es weiter?

Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.

Unter anderem beleuchten wir demnächst die Bespitzelung von Maria und Mario Montessori durch die Politische Polizei Mussolinis. 

Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.

Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.

Finanzierung des Forschungsprojekts

Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.

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