Blitzlicht 11 aus der Forschungswerkstatt: Niederl. Montessori-Abweichlerin in Berlin Jan. 1931
Am Abend des 26.01.1931 spricht die Niederländerin Cornelia Philippi-Sievertsz van Reseema (1880-1963) im großen Saal des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht in Berlin. Der Saal ist, wie sie selbst notiert, „gestopft voll". Was sie gesagt hat, wissen wir nicht: Der Vortrag soll veröffentlicht werden, doch dazu kommt es nie.
Umso besser dokumentiert ist, was danach geschah. Mario Montessori widmet der Rednerin in der Zeitschrift der italienischen Opera Nazionale Montessori drei Seiten Spott. Der gerade gegründete Verein Montessori Pädagogik Deutschlands (VMPD) beschwert sich über sie in Amsterdam, wo ihr im Oktober 1931 der Ausschluss aus der Niederländischen Montessori-Vereinigung (NMV) angekündigt wird. Und AMI-Generalsekretär Herbert Axster erklärt 1933, ein Zusammengehen mit ihrer Gruppe sei „völlig ausgeschlossen". Andererseits zeigen Philippis Berichtsnotizen, wie sie von Maria Montessoris angeblich schlechtem vorangegangenem Berliner Auftritt gehört hatte und sicherlich zuhause in Den Haag erzählte.
Erzählen lässt sich diese Geschichte, weil im Nachlass von Cornelia Philippi-Siewertsz van Reesema bislang weitgehend unbekannte Unterlagen erhalten sind (Archief PSvR, BNR 255, n. 36, Haags Gemeentearchief), so auch ein Reisebericht. Auf den Nachlass führten Erwähnungen bei Hélène Leenders, Der Fall Montessori (2001), Abschnitt 2.5.
Philippi leitete in Den Haag die Stiftung für Kinderforschung und war Vorsitzende der Haager Sektion der NMV.
Die Auseinandersetzung um Philippi stellt ein Musterbeispiel im damals tobenden Kampf der „Orthodoxen“ gegen die „Fortschrittlichen“ in der Anwendung der „Montessori-Methode“ dar – mit fragwürdigen Volten auf beiden Seiten.
Der Abend
Organisiert war die Veranstaltung von Franz Hilker, seit 1930 kommissarischer Direktor des Zentralinstituts. Er hatte im Oktober 1930 eine Studienfahrt mit über 30 Pädago:innen nach Holland geleitet, Philippi dort besucht und sie für den Januar 1931 nach Berlin eingeladen (Hazenoot, Maartje (2010): In rusteloze arbeid. De betekenis van Cornelia Philippi-Siewertsz van Reesema (1880-1963) voor de ontwikkeling van het onderwijs aan het jonge kind. Groningen (Diss. an der Uni Groningen)).
Hilkers Auftrag an Philippi war klar umschrieben:
„Nach einer kurzen Einleitung über den Schulaufbau in Holland wäre praktisch von den Arbeiten Ihrer Stiftung auszugehen und dann zu zeigen, wie neue Methoden, z. B. Montessori, Dalton, Decroly in Holland für die Schule nutzbar gemacht worden sind. Ich möchte mit dem Vortrag den deutschen Lehrern einen Ansporn zu weiteren Versuchen geben." (Hilker an Philippi 19.12.1930, Stadtarchiv Den Haag)
Parallel dazu hatte das Zentralinstitut bereits zwei Wochen vorher Maria Montessori zu einem Vortrag nach Berlin eingeladen.
Über den Vortragsabend selbst notiert Philippi in ihrem Reisebericht:
„Montag, 26. Januar 1931. Abends Vortrag. Dieser wurde glücklicherweise sehr geschätzt und verlief auch gut. Der große Saal des Zentralinstituts war gestopft voll. Ich war froh, noch einige Schulen in Berlin gesehen zu haben, um diese in meinen Vortrag einbeziehen zu können. Zum Schluss sprach ich über die Notwendigkeit von Kontrollbeobachtungen in den Schulen und über die Frage, ob Aufmerksamkeit [als solche] geübt wird. Was bedeutet das? Gibt es Versetzungen? Es gab einige Debatte." (Übersetzung aus dem Niederländischen, jb)
Auffällig (mit Bezug weiter unten) an der abgebildeten Einladungskarte (ihrem Reisebericht angeheftet) ist der Aufdruck der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Montessori-Gesellschaft (DMG).
Der Reisebericht
Der Abend war Teil eines fünfwöchigen Deutschlandbesuchs, bei dem Philippi Schulen besichtigte und Wissenschaftler traf. Der Bericht zu dieser Reise ist die eigentliche Entdeckung. Er enthält laufende Eintragungen wie in einem Reisetagebuch, erkennbar ergänzt um Anmerkungen aus 1959. Bei der Bewertung des Berichts ist also im Detail Vorsicht geboten. (Vermutlich hat Philippi ihre handschriftlichen Notizen 1959 per Schreibmaschine in eine Fassung übertragen, die für eine Veröffentlichung geeigneter war. Eine Veröffentlichung ist aber nicht bekannt.)
Philippi macht sich u.a. zu Maria Montessoris vorangegangenem Besuch in Berlin Notizen, wobei sie erst nach deren Abreise eingetroffen war – alles, was sie über Montessoris Auftritt festhält, ist also Hörensagen:
„... ein sehr schlechter Vortrag von Dr. Montessori in Berlin, durch den sie ihren Ruf vollständig ruiniert hatte."
„... Ihr Besuch ist in einer heftigen Szene geendet, die nicht mehr gutzumachen ist."
„... Anstatt zu arbeiten, ging sie 2× am Tag mit Mario ins Kino, kaufte die prächtigsten Kleider und verlangte 16000 Mark, während das Geld für ihren Vortrag nur mit größter Mühe zusammengebracht worden war."
„... Auch die Berliner Montessori-Welt ist in zwei Lager gespalten. Montessori wurde nach ihrem letzten Vortrag (ein einfältiger Abschnitt aus ‚Das Kind in der Familie') in den Zeitungen verrissen. Mein Vortrag war ein Versuch, das Gute aus der Methode zu retten."
Vier Vorwürfe in wenigen Zeilen – ruinierter Ruf, Eklat, Geldgier, Verriss in der Presse – und eine nicht eben bescheidene Selbstwahrnehmung: Sie, Philippi, konnte und wollte retten, was noch zu retten war.
Nachgeprüft: Montessori in Deutschland im Januar 1931
Maria Montessori war am 02.01.1931 in Berlin angekommen (Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse, 02.01.1931); am 09.01.1931 gab es ein Privattreffen zuhause bei Herbert Axster (Vorwärts, 10.01.1931).
Am 10.01.1931 spricht sie in der Aula der Berliner Universität über „Die soziale Stellung des Kindes" – eingeladen ebenfalls vom Zentralinstitut, das damit bewusst unterschiedliche Ansätze nebeneinanderstellte.
Für den von Philippi behaupteten Verriss konnten wir in der Berliner Presse nur ansatzweise Spuren finden: Das bürgerliche Berliner Tageblatt berichtet am 13.01.1931 (Abendausgabe, S. 6) freundlich (siehe Abbildung), die Berliner Morgenpost am 14. Januar (S. 2) ebenso, dort unter Erwähnung der Teilnahme von Kultusminister Adolf Grimme. Dass Montessori vor diesem Publikum populär und nicht wissenschaftlich sprach, entsprach offensichtlich den Erwartungen; wie wohlvertraut sie dem Berliner Feuilleton offenbar war, zeigt sich daran, dass das Tageblatt auf jede einführende Vorstellung verzichtet.
Im linken Vorwärts vom 13.01.1931 finden sich allerdings auch kritische Sätze. Er wirft Montessori vor, die „soziale Frage“ zu verfehlen: Sie äußere sich nicht zur ungleich größeren ökonomischen Bedrückung des Arbeiterkindes, sondern bedauere lediglich, Kinder würden „allgemein als minderwertige Wesen angesehen“. Ihre Bemerkung, das „Kind des Armen“ habe es leichter, weil es keiner „dem Wesen des Kindes entgegengesetzten Erziehung" ausgesetzt sei wie beim „Kind des Reichen“, wird hinterfragt. Schließlich hätte die schlechte, satzweise Übersetzung aus dem Italienischen zur „unbefriedigten Stimmung der Zuhörer“ beigetragen.
Auf eine von Philippi beschriebene „heftige Szene“ lässt sich nicht wirklich schließen. Dass sie von Montessoris Kritikern eine negative Darstellung von Montessoris Vortrag berichtet bekam, ist wahrscheinlich.
Für Verstimmung seitens Philippis gab es allerdings einen möglichen Anlass: Das von Philippi genannte Honorar von 16.000 Reichsmark für Montessori – die Zahl steht allein in ihrem Bericht und ist nicht unabhängig bestätigt – stünde in einem auffälligen Verhältnis zu ihrem eigenen – mit Hilker hatte sie für ihren Vortrag 150 RM vereinbart.
Montessori hatte einen zweiten Grund, in Berlin zu sein. Am Tag nach ihrem Vortrag fand die erste ordentliche Mitgliederversammlung des VMPD statt. In der ersten Ausgabe der VMPD-Vereinszeitschrift Montessori-Blätter (Anfang 1932) heißt es:
„Am 11. Januar 1931 fand die erste ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins Montessori-Pädagogik Deutschlands in Berlin statt. Frau Dr. Montessori, die anläßlich des von ihr in der Aula der Berliner Universität gehaltenen öffentlichen Vortrages ‚Die soziale Stellung des Kindes' in Berlin war, nahm an der Mitgliederversammlung teil."
„Frau Dr. Montessori ... begrüßte die Erschienenen und dankte Ihnen insbesondere, dass sich nach Jahren größten Missverstehens in Deutschland wieder eine Anzahl von Menschen gefunden hätten, die ernsthaft bestrebt seien, im Sinne der Montessori-Pädagogik für das Kind zu arbeiten und zu kämpfen, und sich in dem Verein Montessori-Pädagogik Deutschlands zusammengeschlossen hätten."
Ebenfalls am 11.01.1931, so Toni Kesslers Memoiren, fand ein feierlicher Empfang mit 500 Gästen in ihrer "Privaten Waldschule Grunewald" statt, wo es eine Montessori-Klasse gab. (Mein Leben in Deutschland. Vor und nach dem 30. Januar 1933, Leo Baeck Archives, New York, S. 14f.)
Von Berlin reiste Montessori weiter nach Köln, wo sie von Bürgermeister Konrad Adenauer und seiner Frau Auguste empfangen wurde und am 14.01.1931 auf Einladung des Katholischen Deutschen Frauenbundes in der ausverkauften Universitätsaula sprach (Kölnische Zeitung, 14.01.1931 und 15.01.1931).
Damit ist die Lage beschrieben, in die Philippis Vortrag zwei Wochen später fiel. Der VMPD war gerade angetreten, die Montessori-Pädagogik in Deutschland dominierend zu vertreten. Das Zentralinstitut, das jahrelang DMG-Veranstaltungen und -Ausbildungskurse in seinen Räumen beherbergt hatte, nimmt diesen Anspruch nicht als selbstverständlich hin – und lädt eine Haager Kritikerin ein, zu deren Vortrag die Einladungskarte einen DMG-Aufdruck trägt.
Und was war mit „nach Jahren größten Missverstehens" gemeint? Es ging um Montessoris Verhältnis zur DMG.
Spaltung in den Niederlanden und der wachsende Abstand Montessoris zum NEF
Der Konflikt war älter als der Berliner Abend, und er war zuerst ein niederländischer. Die 1918 gegründete NMV spaltete sich bald in zwei Sektionen, die nur noch ein „Gesamtvorstand" verband: Amsterdam entwickelte die Methode ab 1920 unter Montessoris direkter Leitung weiter, Den Haag arbeitete kinderforschungsorientiert und verband Montessori mit Anregungen von Decroly, Ferrière und Fröbel – so die Darstellung im Bloomsbury Handbook of Montessori Education (2023). Philippi stand der Haager Seite vor.
Philippi fasst ihre grundsätzliche Kritik gegenüber Montessori im Besuchsbericht so zusammen:
„... Der Fehler Montessoris besteht m. E. darin, dass sie nicht wissenschaftlich und kritisch arbeitet und den gewichtigen Anschein erweckt, als ob alle ihre Ansichten aus dem Studium [der Kinder] hervorgingen."
Philippis internationales Milieu war die New Education Fellowship (NEF), der 1921 entstandene Zusammenschluss der reformpädagogischen Bewegung in Europa, der Zeitschriften in mehreren Sprachen herausgab und regelmäßig Kongresse veranstaltete.
Die Bildungshistorikerin Bérengère Kolly hat den damaligen Gegensatz auf den Punkt gebracht: Die NEF verstand sich als Bewegung fortlaufend Neues schaffender, sich austauschender Pädagogen, während Montessori auf Qualität und Schutz einer bestimmten Praxis setzte.
Ovide Decroly, einer der Wortführer der NEF, kritisierte offen die „Orthodoxie des Inspirators", die übermäßig unterwürfige Pädagogen hervorbringe. (Kolly, Maria Montessori, pedagogical orthodoxy, and the question of correct practice (1921–1929), Rivista di Storia dell'Educazione 8(2), 2021)
Das Verhältnis zwischen NEF und Montessori war trotzdem lange relativ eng, wurde aber dann brüchig: Die ersten beiden Internationalen Montessori-Kongresse 1929 in Helsingör und 1932 in Nizza fanden noch im Rahmen von NEF-Tagungen statt; ab 1933 waren sie eigenständig.
Wie unterschiedlich Montessoris Perspektive auf die NEF war, erklärt sie 1933 beim Internationalen Montessori-Kongress in Amsterdam selbst:
„Wir konnten nicht mit den anderen [NEF] gehen. Die anderen gehen hin und überlegen, wie sie die Bildung verändern können. Wenn sie lange genug nachgedacht haben, kommen sie zusammen und jeder erzählt, was er seiner Meinung nach herausgefunden hat. Wir müssen nicht nachdenken. Denn das Kind hat uns alles offenbart. Es hat alle Probleme von selbst gelöst." (Algemeen Handelsblad, 30.07.1933; Übersetzung aus dem Niederländischen, jb)
Dem deutschen Publikum war Philippi vor allem durch einen Aufsatz begegnet: „Bestrebungen zur Erneuerung der Erziehung im Haag", erschien im Frühjahr 1928 in Das Werdende Zeitalter, der Zeitschrift der deutschen Sektion des NEF. Sie mischt darin Anerkennung mit unmissverständlicher Kritik:
„Didaktisch hat Dr. Montessori hier etwas geleistet, was noch keiner getan hat. ... Ist das denn alles nicht genügend? Warum, fragen die Montessorianer, wird noch gezweifelt und weiter gesucht, wenn man diese schönen Klassen erreichen kann, und der Wert der Methode so anerkannt?
Darum, weil die absolute Einschränkung auf eine Methode und ein bestimmtes Lehrmaterial ein ebenso großer biologischer und psychologischer Fehler ist wie der Wahn, daß alle Kinder allein, frei und ohne Hilfe weiter kommen können."
Auch dieser Aufsatz wird drei Jahre später in ihrem Ausschlussverfahren als Grund angeführt werden. Die Kritik selbst ist nicht neu und nicht auf Holland beschränkt: Clara Grunwald und Käthe Stern argumentieren in Deutschland ähnlich.
Abbildung: Prof. J. Piaget, Prof. R. Casimir, C. Philippi (undatiert; Hazenoot 2010, S. 124)
Erste Folge: Hilker will drucken
Hilker will Philippis Berliner Vortrag vom Januar 1931 in der Zeitschrift des Zentralinstituts veröffentlichen; er sagt dafür ein zusätzliches Honorar von 100 RM zu. Philippi liefert das Manuskript anscheinend nicht: Zwischen 1931 und 1933 erscheint - von uns geprüft - keine Fassung im Pädagogischen Zentralblatt des Instituts.
Zweite Folge: Mario Montessori und Herbert Axster reagieren
Im März 1931 veröffentlicht Mario Montessori in der Rivista Montessori eine Polemik („Filippiche“), die Philippi persönlich angreift und ihre pädagogische Autorität grundsätzlich bestreitet. Sie habe nie bei Maria Montessori studiert, bilde dennoch Lehrerinnen aus und betreibe lediglich eine „Parodie“ der Montessori-Methode. Besonders empöre ihn ihre Behauptung, Maria Montessori kenne „das Kind“, nicht aber die Verschiedenheit der einzelnen Kinder – gerade deshalb könne ihre Methode keine eigentliche Erziehungsmethode sein. Mario Montessori macht aus dieser fachlichen Differenz einen Loyalitätskonflikt. Wer so argumentiere, gehöre für ihn nicht mehr zur Montessori-Bewegung.
Zuletzt hätte sie „in Berlin den Rückhalt einer Gesellschaft, die den Namen Montessori gegen den Willen der Dottoressa führt, die Deutsche M. Gesellschaft,“ gefunden und einen Vortrag gehalten, „in dem sie eine Menge wahrhaft absurder und fantastischer Dinge behauptete“ (Übersetzung aus dem Italienischen, jb).
Bemerkenswert ist die Stoßrichtung. Der Skandal ist für Mario Montessori nicht nur, was Philippi gesagt hat, sondern wer ihr in Berlin den Rücken stärkt, nämlich die DMG.
Parallel beschwert sich – wie wir rekonstruieren konnten - Herbert Axster, VMPD-Vorsitzender, bei der NMV.
Die Folge ist ein Schreiben des NMV-Gesamtvorstands vom 21.10.1931 an Philippi: Es sei beabsichtigt, „Frau Philippi, falls sie nicht freiwillig ausschiede, als Mitglied der N.M.V. auszuschließen" (Hazenoot 2010; Übersetzung aus dem Niederländischen, jb). Als Gründe genannt werden ihr Aufsatz von 1928 – und ihr Berliner Vortrag, bei dem sie sich laut VMPD-Beschwerde als offizielle Vertreterin der NMV ausgegeben habe.
Philippi wendet sich an Hilker. Der stellt in seinem Antwortschreiben vom 31.10.1931 zunächst klar, dass nicht die DMG sie „in Holland so angeschwärzt" hatte, sondern der VMPD. Und ergänzt:
„Wie wir alle erinnern können, betonten Sie Ihre Unabhängigkeit von der offiziellen Montessori Gesellschaft in Holland nachdrücklich; im übrigen bin ich dessen sicher, dass Sie die ‚Exkommunizierung' nicht allzu tragisch nehmen werden."
Am 16.01.1932 kommt es zu einem klärenden Gespräch auf NMV-Vorstandsebene. Dort kann „der unmittelbare Anlass dafür, ihr Vortrag in Berlin, ausgeräumt werden ..., da er auf einem unzutreffenden Bericht beruhte". Der Berliner Vorwurf war also aus der Luft gegriffen. Was blieb, war der eigentliche: „dass die Ansichten von Frau Philippi zu stark von denen M.s abwichen und dass die vom Haager Kurs stammenden M.-Leiterinnen in M.-Schulen nicht einsetzbar seien" (Übersetzung aus dem Niederländischen, jb). Damit geht es nicht länger um einen Abend in Berlin, sondern um die Frage, wer sich Montessori-Lehrerin nennen darf. Nach der entscheidenden NMV-Mitgliederversammlung am 02.07.1933, bei der Philippis pädagogischen Vorstellungen eine Absage erteilt wurde, trat sie selbst aus der NMV aus (Haazenoot 2010).
Erledigt ist die Sache für die NMV jedenfalls nicht. Als Herbert Axster ab 1932 mit der NMV über deren Aufnahme in die AMI als Landesgesellschaft verhandelt, erklärt er sich am 13.09.1933 bereit, „die anderen in Holland bestehenden Montessori-Vereinigungen und Montessorikurse" einzuschließen – mit einer Ausnahme: „völlig ausgeschlossen ist ein Zusammengehen mit der Gruppe Philippi Resemaa [sic!]" (AMI-Archiv, Amsterdam; Übersetzung aus dem Englischen, jb).
Fazit
An diesem Beispiel zeigt sich erneut die Gratwanderung, die die Montessoris, wie bei jedem pädagogischen Konzept, herausgefordert hatte: Wann führt eine eigene Interpretation oder Ergänzung der „Montessori-Methode“ dazu, dass sie gewissermaßen entkernt wird? Montessori war überzeugt (s. obiges Zitat von 1933 aus Amsterdam), dass „das Kind“ ihr die Wahrheit offenbart hatte. Andererseits hat sie selbst wesentliche Erweiterungen ihrer Pädagogik erst später erarbeitet, beispielsweise für die Grundschule (Kosmische Erziehung, Psychoarithmetik und Psychogeometrie). Diese standen motivierten Praktikern Ende der 20er Jahre nicht zur Verfügung, so dass sie selbst kreativ werden mussten.
Tatsache ist, dass es die „Montessori-Pädagogik“ seit 120 Jahren unter diesem Namen gerade deshalb gibt, weil immer auch versucht wurde, eine gewisse inhaltliche und Markentreue zu schützen. Andererseits muss sich die Pädagogik weiterentwickeln, und es sind vielleicht manchmal unbequeme Pädagog:innen, die dazu auffordern.
Wie geht es weiter?
Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.
Unter anderem wird die demnächst von der Montessori-Pädagogin Käthe Stern forcierte Initiative, von ihrem Patenonkel Fritz Haber (Chemie-Nobelpreisträger) unterstützt, zur Vorstandsneubesetzung der DMG, nach dem Rücktritt von Clara Grunwald Ende 1929, beleuchtet werden.
Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.
Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.
Finanzierung des Forschungsprojekts
Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.