Zum Tode von Gerhard Nitschke (MDD-Ehrenvorsitzender)

Schlußstück (Rainer Maria Rilke)

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten
im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Gerhard Nitschke ist tot.

Er starb am 31. Juli 2005 im Alter von 72 Jahren in Düsseldorf, gut vier Monate nach dem Tod seiner Frau, an den Folgen einer schweren Krankheit. Wir Montessori-Pädagogen verlieren damit einen engagierten Mitstreiter für eine Bildungspolitik, die sich bedingungslos an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen orientiert.

Gerhard Nitschke wurde am 13. März 1933 in Danzig geboren. Dieser Stadt, deren Zerstörung im II. Weltkrieg er hautnah miterlebte, und der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen blieb er sein ganzes Leben verbunden. Deshalb wurde er geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, dem Kavalierskreuz der Republik Polen sowie der Adalbert-Medaille der Stadt Danzig/Gdansk.

Ich bedaure außerordentlich, dass wir dieser Aufzählung von Auszeichnungen nicht eine Montessori-Medaille hinzufügen konnten. Verdient hatte er eine solche Montessori-spezifische Anerkennung längst, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Leider fehlt uns so etwas.

Gerhard Nitschke war kein ausgebildeter Pädagoge, er war Architekt, als solcher Autor zahlreicher kunsthistorisch-baugeschichtlicher Veröffentlichungen und Vater von zwei Kindern. Weil ihm für diese Kinder vor allem eines wichtig war, dass sie in Würde und Freiheit groß werden konnten, suchte er die Montessori-Pädagogik für sie aus. Vermutlich sucht man in ganz Deutschland nach einem Menschen, der sich aus der Elternposition heraus mit solch einer Kraft und großem Sachverstand der Weiterverbreitung dieser Pädagogik widmete. Mehr als 25 Jahre lang war er als Vorsitzender des Düsseldorfer Montessori Kreises tätig. In dieser Zeit kam es zur Gründung zahlreicher Montessori-Kinderhäuser und –Schulen.

Gerhard Nitschke setzte sich durch im Umgang mit Behörden, so beispielsweise auch dem Kultusministerium, wie es damals noch hieß, und zwar mit Engagement, hohem Zeitaufwand, großem Wissen und einer gewissen Sturheit sowohl für Neugründungen, aber auch den Erhalt bestehender Einrichtungen.

So organisierte er 1977 anlässlich der 20-Jahr-Feier der Montessori-Schule Freiligrathplatz/Farnweg einen großen Montessori-Kongress in der neuen Messehalle in Düsseldorf, die vor lauter Andrang fast aus den Nähten geplatzt wäre. Montessori-Arbeit und Architekten-Arbeit überlagerten sich jahrelang, seine Familie trug es mit Fassung.

Doch nicht nur auf regionaler Ebene war er als Streiter für die Montessori-Pädagogik bekannt. Auf überregionaler Ebene gründete er 1971 mit Vertretern der Montessori-Vereinigung e.V. Sitz Aachen, dem Montessori-Arbeitskreis Hessen e.V., dem Bonner Montessori-Arbeitskreis, dem Elternverein der Kölner Montessori-Schulen, dem Montessorikreis Bocholt, dem Montessori-Kreis Düsseldorf und dem Arbeitskreis Montessori-Pädagogik Göttingen die Aktionsgemeinschaft Deutscher Montessori-Vereine (ADMV), ein Zusammenschluss von Vereinen, in dem Eltern und Berufspädagogen gemeinsam für die Umsetzung der Montessori-Pädagogik auf Bundesebene arbeiteten. Er war Mitglied des Vorstandes von 1971-2002, ab 2002 Ehrenvorsitzender des der ADMV folgenden Dachverbandes „Montessori Dachverband Deutschland e.V.“.

Gerhard Nitschke wurde so bundesweit zu einer ‚Institution’, die für eine kritische, offene und respektvolle Montessori-Arbeit stand. Er hat sich immer wieder als Vertreter gerade der Eltern gesehen und so auch in die Diskussion eingebracht, u.a. durch die Initiierung einer eigenen Themenreihe (Montessori-Hefte), die die ADMV jahrelang herausgebracht hat.

Im Jahr 2000 half er in Aachen mit, die Montessori-Tore nach Europe zu öffnen, die ersten Weichen wurden gestellt für die Gründung des Vereins ‚Montessori Europe’ im Jahre 2003. Er hat damit nicht nur politisch im Rahmen seines Engagements im Adalbertus-Werk für die Verständigung zwischen Deutschen und Polen gesorgt, nein auch in der Pädagogik weit über das normale Maß hinaus Brücken der Verständigung geschlagen durch die Förderung und Verbreitung der Montessori-Pädagogik und ihrer Einrichtungen.

Die Menschen in Düsseldorf, die Stadt Düsseldorf verdanken ihm viel. Die Kinder und Jugendlichen in Deutschland und Europa ebenso. Wir Montessori-Pädagogen vergessen schnell in unserem Einsatz vor Ort und in den Institutionen, dass es großartige Menschen gibt, die sich mit großen Teilen ihres Lebens für diese Pädagogik überregional in Verbänden einsetzen.

Ein solch großartiger Mensch ist jetzt gestorben. Wir dürfen und müssen seine Arbeit fortsetzen, um sie dann irgendwann auch jemand anderem zu übergeben. Gerhard Nitschke hat Spuren hinterlassen, die so schnell nicht verschwinden werden.

Dr. Gudula Meisterjahn-Knebel
langjährige Vorsitzende der ADMV, später Montessori Deutschland e.V.
Präsidentin Montessori Europe

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